3 MONATE EVEN REALITIES G2 – SMART GLASSES IM LANGZEITTEST
Smart Glasses versprechen viel, halten im Alltag aber oft weniger, als die dazugehörigen Marketingvideos suggerieren. Wir haben die Even Realities G2 deshalb nicht nur ausgepackt und kurz getestet – Michael trägt sie seit drei Monaten täglich. Hier sein Erfahrungsbericht, der zeigt, wo diese Brille wirklich überzeugt und wo sie frustriert.
Erstes Highlight: der Tragekomfort

Starten wir mit einer positiven Überraschung: Die Even Realities G2 ist angenehmer zu tragen als eine herkömmliche Sehhilfe. Das klingt unwahrscheinlich, ist aber einer der größten Pluspunkte. Die Brille wird mit Gleitsichtgläsern bis ±12 Dioptrien konfektioniert und sitzt dabei deutlich komfortabler, als man erwartet. Die Gewichtszunahme durch Display, Sensoren und Akku fällt kaum auf – im Gegenteil, die Verteilung der Komponenten führt zu einem besseren Tragekomfort als bei vielen herkömmlichen Brillen.
Das ist wichtig: Wer eine Brille acht Stunden am Tag trägt, braucht zunächst eines – Komfort. Alle smarten Funktionen sind zweitrangig, wenn die Brille unbequem sitzt. Bei der G2 ist das nicht der Fall.
„Ich trage tatsächlich diese Brille fast lieber als meine normale. Gar nicht, weil sie tolle Daten zeigt oder sowas, sondern einfach, weil sie angenehm zu tragen ist."
Notifications, die nicht überfordern – das macht die Even G2 richtig gut
Die Brille zeigt dir eingehende Calls, E-Mails, Microsoft Teams- und Webex-Nachrichten direkt im Sichtfeld an – kurz, prägnant, ohne zu überfordern. Im Gegensatz zu smarteren Alternativen wie der Meta Ray-Ban verzichtet die G2 nicht auf professionelle Kommunikationswerkzeuge. Während Meta-Brillen hauptsächlich WhatsApp und Instagram anzeigen, bekommst du hier auch Zugang auf Business-Tools. Das ist im beruflichen Umfeld ein echter Vorteil.
Der Effekt: Du sitzt in Meetings, bekommst eine kurze Benachrichtigung, weiß sofort, ob etwas Wichtiges passiert, und kannst konzentriert bei der Sache bleiben. Kein ständiges Handy-Checking, aber auch nichts Wichtiges verpassen.
„Mir gibt das dieses kurze Aufpoppen ein großes Ruhegefühl im Meeting. Wenn irgendwas Wichtiges wäre, dann läuft es nicht an mir vorbei, dann kann ich reagieren."
Hilfreich, oder nicht? Der KI-Assistent im Meeting.
Die Transkriptionsfunktion der Even G2 ist beeindruckend. Die Brille hört mit, transkribiert Meetings in Echtzeit und zeigt dir wichtige Begriffe oder Schlüsselwörter an. Fragst du nach einem Begriff, den du nicht verstehst, schlägt die KI dir Definitionen vor – alles ohne Handgriff, nur über den Ring gesteuert. Für Online-Workshops oder technische Gespräche, bei denen du nicht hundertprozentig tief drin bist, ist das ein echter Wissensvorteil.
Ein weiteres Feature: Du kannst die KI-Funktion mit PDFs oder Präsentationen füttern. Im Meeting wird dann relevant, was du vorbereitet hast – der KI-Assistent zieht sich die Informationen und liefert dir Kontext zum richtigen Zeitpunkt.
Navigation, Uhrzeit und Teleprompter ohne Umwege
Was früher die Smartwatch übernommen hat, übernimmt jetzt das Head-up-Display. Termine, Uhrzeit, nächster Termin – alles schwebt direkt vor dir, ohne auf die Uhr zu gucken. Der Teleprompter ist besonders für Präsentierende interessant: Du schreibst dir Stichworte auf, wirfst sie in die Brille, und während deines Vortrags siehst du deine Notizen im Sichtfeld. Natürlich, ohne dass es merkwürdig wirkt – die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer werden es gar nicht bemerken.
Die Technik? Stabil!
Zwei Tage Akkulaufzeit, 1.200 Nits Helligkeit, die auch bei direktem Sonnenschein nutzbar ist. Das Display funktioniert bei Doppelbildern – die G2 zeigt Inhalte für beide Augen. Mit dem Lade-Case kannst du die Brille sieben Mal komplett laden, bevor das Case selbst an die Steckdose muss. Das ist zuverlässig und gut durchdacht.

Das funktioniert (noch) nicht optimal

1. Der KI-Assistent und sein Akku-Hunger
Hier wird es kritisch: Mit dem Transkriptionsbot hält die Brille nicht zwei Tage, sondern nur noch einen halben Tag. Das ist für längere Workshops oder Veranstaltungen ein echtes Problem. Zusätzlich transkribiert der Bot permanent – der Text läuft ständig im Sichtfeld mit. Das hat zwei Konsequenzen: Die visuelle Ablenkung ist real, und die Akkulaufzeit kollabiert. Eine bessere Lösung wäre ein minimales Symbol, das zeigt, ob die Transkription läuft, ohne permanent Text einzublenden.
Die Verbindung zwischen Brille und Smartphone kann auch instabil sein. Wenn die Bluetooth-Verbindung abbricht, merkst du es daran, dass die Transkription plötzlich stehen bleibt. Das ist besonders ärgerlich, wenn du gerade wichtige Informationen festhalten möchtest.
2. Der Ring: Bedienung mit Luft nach oben
Der optionale Even R1 Ring ist praktisch, aber in der Umsetzung fummelig. Die Sensorbuttons erfordern Druck und präzise Bewegungen. Wäscht du dir gerade die Hände? Der Ring sendet dann unwillentlich Befehle und navigiert wild durch die Menüs. Das ist nicht existenziell, aber auch nicht elegant.
Großes Problem: Der Ring muss täglich geladen werden mit einer separaten Ladestation, die nur marginal magnetisch hält. Die Station ist klein und wird schnell verloren, und ein falscher Griff lässt den Ring herunterfallen. Die Ladestation zeigt nur kurz auf, ob etwas passiert – nicht, ob das Laden erfolgreich war. Deutlich einfacher wäre es, würde der Ring über das Lade-Case geladen, ähnlich wie AirPods.
3. Das Laden der Brille erfordert sehr hohe Präzision
Die Brille rastet im Lade-Case nicht hundertprozentig ein. Es gibt keinen klickenden Kontakt – sie muss perfekt liegen, sonst wird sie nicht geladen. Bei einem versehentlich leicht verschobenen Platzieren merkst du es erst später. Beim täglichen Laden ist das im Grunde zu handhaben, bei mehreren Lade-Vorgängen pro Tag aber lästig.
4. Monochrom statt Farbe: Bewusste Limitation oder Schwäche?
Die G2 zeigt ausschließlich Grün an. Das ist bewusst gewählt – für Notifications und Teleprompter brauchst du keine Farbe. Trotzdem wird es zum Limiting Factor, wenn du mehr Informationen schneller erfassen möchtest. Mehrere Informationsstränge in Farbe differenziert darzustellen, ist mit Monochrom schwieriger.
5. Das Fokus-Problem bei Augenkontakt
Ein subtiler, aber realer Punkt: Wenn du dich mit jemandem unterhältst und der Teleprompter im Sichtfeld schwebt, entsteht ein visuelles Problem. Der Text schwebt etwa anderthalb Meter entfernt, die Person steht näher. Dein Auge fokussiert auf die Person, aber der Text hat einen anderen Fokuspunkt – das schafft Verwirrung. Lösbar durch bewusste Blickrichtung auf entferne Flächen, aber anfangs irritierend.
6. Was die G2 am meisten begrenzt: Mangelnde Integration
Hier liegt der größte Frust: Die Even Realities zeigt dir, was möglich ist, und das ist gleichzeitig das Problem. Du möchtest eine Nachricht komplett lesen – geht nicht, nur Vorschau. Du möchtest mit einem Emoji antworten – wieder Handy raus. Du möchtest auf mehr Apps zugreifen – nicht vorhanden. Die Brille ist ein gutes Informations-Display, aber noch kein echter Ersatz für das Smartphone. Eine echte Integration ins iOS- oder Android-Betriebssystem würde ein Game-Changer sein. Auch Lautsprecher wären praktisch – bisher hat die G2 nur Mikrofone, keine Audio-Ausgabe.
7. Das visuelle Schleier-Problem
Die G2 hat zwei schraffierte Sichtfelder für die Displays. Im Normalfall siehst du die nicht. Aber sobald du auf eine weiße Wand schaust und dich bewusst konzentrierst – ähnlich wie in Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklich sein" – wirst du die Linie sehen und wirst sie nicht mehr los. Das ist eher ein psychologisches als ein praktisches Problem, aber es ist präsent, wenn du es einmal gesehen hast.
FAZIT: Wird Michael die Brille weiter nutzen?
Ja. Absolut. Die Even Realities G2 ist ein Werkzeug geworden, auf das im beruflichen Alltag schwer verzichtet werden kann. Im privaten Umfeld fehlt sie nicht. Beruflich? Dann schon.
Der größte Frust ist gleichzeitig das größte Lob: Die G2 zeigt dir, was ein Smartglass im Alltag bedeuten kann. Sie zeigt dir aber auch, wieviel noch möglich wäre. Das Potenzial ist da, aber noch nicht vollständig ausgeschöpft. Wenn Apple oder Google eine Brille mit ähnlichem Tragekomfort und echter Betriebssystem-Integration bringt – das wird ein echter Gamechanger. Bis dahin bleibt die Even Realities G2 das beste verfügbare Tool für intelligente, unaufdringliche Informationsdarstellung im Alltag.
„Ich bin froh, dass ich die Even Realities angeschafft habe. Ich nutze die jeden Tag. Beruflich fehlt sie mir, wenn ich sie nicht anziehe. Das sagt viel über den praktischen Mehrwert aus."
Das Video zum Langzeittest kannst du dir auch auf Youtube ansehen.