Sven Wehlmann von Vitra im Interview über das Office der Zukunft
The Tomorrow Office Experiment
Wie verändert sich das Büro, wenn Spatial Computing, KI und neue Geräte zum Arbeitsalltag werden? Im Rahmen unserer Serie „The Tomorrow Office Experiment" spricht Michael mit Sven Wehlmann, Geschäftsführer der Vitra GmbH, über neue Raumkonzepte, adaptive Möbel und die Frage, wie Arbeitswelten künftig mit technologischen Entwicklungen Schritt halten können.
Michael
Wir haben euch Anfang des Jahres zu uns eingeladen, und euch unsere Ideen zum „Office 2036“ vorgestellt. Entgegen unserer Erwartung wart ihr gar nicht sonderlich groß überrascht. Warum nicht?

Sven
Wir waren schon überrascht, dass ihr euch auf einen so konsequenten Weg begebt. Da seid ihr sehr weit vorne. Zumindest, wenn wir auf Deutschland schauen, gebt ihr euren Mitarbeitenden die Freiheit, mit welchem Device sie in Zukunft arbeiten. Für viele ist der klassische Laptop noch das Normale. Ihr geht da schon einen Schritt weiter. Und genau das schauen wir uns auch an: Was machen diese Entwicklungen mit dem Büro? Welche neuen Tools braucht es? Braucht es den klassischen Schreibtisch noch?
Michael
In diesem Zusammenhang seid mit Beta und der Beta Roadshow unterwegs. Was steckt dahinter?
Sven
Wir haben für uns eine Idee entwickelt, wie Office in der Zukunft aussehen könnte. Wir launchen das Thema bewusst als Beta, weil es nicht mehr das fertige, zu Ende gedachte Büro ist. Es geht um Iterationen. Und es geht darum, wie ein Büro diese Iterationen überhaupt möglich machen kann. Denn so schnell, wie sich die Smart Glasses entwickeln, muss sich auch die Räumlichkeit darum entwickeln. Genau das muss der Raum leisten: diese Befähigung zulassen.
Michael
Welche neuen Produktserien und -ideen bringt ihr in diesem Zusammenhang mit?
Sven
Eigentlich sind es zwei große neue Produktserien. Auf der einen Seite ist es Reset. Der Name ist schon ein bisschen Programm. Reset kann man sich wie Boxen vorstellen, die ich stapeln kann. Sehr leicht, sehr einfach für die Mitarbeitenden zu lösen. Damit kann ich Orte, Zonen und Bereiche schaffen, etwa eine Townhall, aber auch Orte nutzen, die heute noch kein klassischer Arbeitsort sind, zum Beispiel den Empfangsbereich oder eine Lobby. So lassen sich neue Arbeitsorte bauen.
Die andere Serie ist Scout. Das ist eine Tischfamilie, aber eine sehr smarte Tischfamilie. Ich kann sie ineinander verschieben, immer wieder neu arrangieren und dadurch sehr schnell an unterschiedliche Situationen anpassen. Morgens arbeite ich vielleicht allein und fokussiert, mit Akustik-Screens um mich herum. Nachmittags habe ich einen großen Team-Workshop, dann klappe ich die Screens weg, arrangiere alles neu und bin in einem komplett anderen Modus. Beides zusammen gedacht macht diese Adaptierbarkeit möglich.

Michael
Was ist aus deiner Sicht das Besondere an diesem Ansatz?
Sven
Arbeitswelten sind heute nicht mehr fertig. Sie verändern sich. Und deshalb müssen auch Möbel und Räume so gedacht sein, dass sie sich mitverändern können. Es geht nicht darum, einmal eine perfekte Lösung hinzustellen, sondern darum, auf neue Anforderungen reagieren zu können.
Michael
Wir haben eure Produkte in der Blackbox in Weil am Rhein zusammen mit Spatial Computing ausprobiert. Was hast du daraus mitgenommen?
Sven
Das war für uns sehr spannend, weil wir mit euch intensiver gelernt haben, dass es diese Flächen für Spatial Computing braucht. Es gibt Dinge, die man ablegt, anlegt oder in Beziehung zum virtuellen Raum setzt. Da kommt der klassische Arbeitsplatz an seine Grenzen, weil er anders konzipiert ist, nämlich für einen Monitor. Dass dann bestimmte Bereiche und Möbel in diesem neuen Kontext so gut funktionieren, ist natürlich stark.


Michael
Welche Rolle spielen Projekte wie unseres am Blecherhof für euch?
Sven
Ich glaube, es ist wichtig, dass ihr das für euch selbst erfahrt, erste Erfahrungen macht und diese Learnings weitergebt. Wir können alle nur davon lernen, wenn ihr euch dort als Vorreiter platziert und wenn Kundinnen und Kunden das bei euch testen können. Ich habe hier ja selbst das erste Mal mit der Vision Pro gearbeitet. Das ist schon ein starker Schritt. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen und Learnings ihr sammelt und wie sich das dann in den Markt hinein dupliziert.
Michael
Was erwartest du von der Beta Roadshow und der Zusammenarbeit in diesem Jahr?
Sven
Wir sind gespannt, welches Feedback wir von draußen bekommen und welche Themen auf uns zukommen. Auf der Beta Roadshow wollen wir mit den Menschen ins Gespräch kommen: Wie sehen sie das? Was sind ihre Erwartungen an die Arbeitswelt von morgen? Genau daraus entsteht am Ende echter Fortschritt.
So geht es am Blecherhof weiter
Für uns am Blecherhof beginnt jetzt der praktische Teil. Wir nehmen unser Team aktiv mit in den Wandel und geben Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, neue Set-ups aus kompaktem Rechner und Apple Vision Pro im Alltag zu testen. So wollen wir nicht theoretisch über die Arbeitswelt von morgen sprechen, sondern konkret herausfinden, was im täglichen Arbeiten wirklich funktioniert.
Parallel dazu starten wir mit dem ersten Umbau in Bauteil 3. Dort entsteht mit Reset eine räumliche Landschaft auf drei Ebenen: vorne für kurze, spontane Aufgaben wie Mail-Checks, darüber für konzentriertes Arbeiten und gezielt auch für Spatial Computing. Genau dort wollen wir lernen, nachschärfen und die nächsten Zonen am Blecherhof weiterentwickeln. Es geht also nicht um eine Ausstellung, sondern um echtes Arbeitswerkzeug in einem realen Umfeld.
